Bund deutscher Iringe e.V.

Die Bedeutung von Bürgergesellschaften für Europa

Bürger sind die tragenden Elemente einer humanen Zukunft. Was ist unter dem Begriff "Bürger" zu verstehen? In der Antike ist die durch Geburt erworbene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der politischen Entscheidungsträger für sie kennzeichnend, im Mittelalter waren es die Bewohner der Randsiedlung in oder um eine Burg, bzw. Inhaber des vollen städtischen Bürgerrechts im Gegensatz zu bloßen Einwohnern und Bauern. Ihr Status war bestimmt durch Eigentum und einer selbstorganisierten Leistung zur technischen Versorgung der Bevölkerung. Im Industriezeitalter ging der Bürgerbegriff auf die kapitalistisch herrschende Klasse (Bourgeoisie) über. Im sich anbahnenden postindustriellen Zeitalter, in dem die technische Versorgung durch Großbetriebe und Verkaufsketten der Wirtschaft zunehmend anonymisiert ist und das industrielle Eigentum nur noch von gewinnorientierten Managern verwaltet wird, hat der Begriff "Bürger" seine Bedeutung weitgehend eingebüßt. Da aber die Groß- und Mittelbetriebe unter dem Druck der Globalisierung ihre Stammsitze immer mehr ausdünnen oder aufgeben müssen, bleibt den dort lebenden Bewohnern nur die Möglichkeit des Zusammenschlusses und der Neuschaffung eines gegenseitigen Versorgungsverbundes in wirtschaftlich-technischer, sozialer und kultureller Hinsicht. Das, was sich in naher Zukunft unter dem Druck der Verhältnisse neu herausbilden muss, ist eine neue Bürgergesellschaft.

Durch die globalen Herausforderungen der Gegenwart wird die Entstehung von Bürgergesellschaften herausgefordert. Besonders drei Zustände lassen sich dafür verantwortlich machen:

1. Infolge der Globalisierung und Transnationalisierung werden die nationalen Grenzen in den Bereichen Kapital, Produktionsstätten, Kultur, Sicherheit, Verkehr und Umweltproblemen überschritten, die aber alle auf der kommunalen und regionalen Ebene soziale Folgen nach sich ziehen. Überregionale und transnationale Vernetzung hat natürlicherweise auch positive, stärkende Rückwirkungen auf die Regionen durch den Übergang zu technisch besonders aufwendigen Produktionsverfahren mit verminderten Belegschaften. Das wiederum zwingt zu einer regionalen Politikgestaltung, die die Balance zwischen sozialem Nutzen und Schaden der Globalisierung abwägen und austarieren kann. Da das soziale und kulturelle Gesamtnetz auf der nationalen Ebene ruht, kann der Nationalstaat seiner Bedeutung, nicht ledig werden. Dennoch bleibt die Bewältigung vor Ort das Problem der aufeinander angewiesenen Bürger, die sich zu neuer Solidarität zusammenfinden müssen. 2. Es bildet sich eine "Neue Arbeitsgesellschaft" heraus, in der immer stärker der "aktive Bürger" gefragt ist, der zum Unternehmer in eigener Sache wird. Eingebunden in eine Betriebszugehörigkeit kann er das nur dann, wenn der Betrieb sich in eine "Beteiligungsgesellschaft" für die variable Tüchtigkeit des Einzelnen gewandelt hat. Ein jeder muss die Verantwortung für das Gelingen seiner Arbeitsaufgabe tragen, um ein auf Dauer stabiles Glied in der Betriebsgemeinschaft zu bleiben. Dazu gehört die eigene Gesunderhaltung ebenso wie die Beschaffung und Eingliederung von Ersatzleuten für die anstehenden Aufgaben. Genau so ist das Netz der wirtschaftlichen Infrastruktur einer Region, gebildet aus Zuliefer-, Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben an diese Bedingungen geknüpft. Die "Neue Arbeitsgesellschaft" kann in eine kapitalmäßig reduzierte, arbeitsteilig weniger differenzierte Handlungsgemeinschaft übergehen, die wieder mehr Arbeitskräfte beschäftigen kann. Ihre volkswirtschaftliche Effizienz ergibt sich aus der Aufrechnung zwischen einem möglicherweise minder ertragreichen Arbeitsergebnis der Einzelbetriebe gegenüber den sozialen Staatsausgaben für eine Totalversorgung bei Arbeitslosigkeit. 3. Komputertechnologien haben eine umfassende Kommunikation ermöglicht und eine weitweite Netzgesellschaft entstehen lassen, die einen regen Wissensaustausch über Grenzen hinweg betreibt. Da die institutionalisierten Verwaltungen, durch ihre eingeschränkten, spezifischen Aufgaben, die ansteigende Informationsflut nicht einarbeiten können, treten zivilgesellschaftliche Akteure zu ihnen in Konkurrenz. Sie werden zu Initiatoren für eigene Ordnungen in den Regionen und entwickeln neue Formen politischer Selbststeuerung, die Bürgergesellschaften.

(Vgl. Christopher Gohl, Bürgergesellschaft als politische Zielperspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zu: Das Parlament; B 6-7/2001, S. 5ff)

Mit der Entwicklung von Bürgergesellschaften wird sich der zentralisierte Staat, der seine Einflüsse auf alle Lebensgebiete bevormundend ausgebaut hat, zu einem reinen Funktionsstaat wandeln, der allgemeine Rahmenbedingungen vorzugeben hat und die Ausführung dezentralen Bürgergesellschaften nach ihren Maßstäben überlässt. Ein europaweites und trotzdem bürgernahes Europa ist nur möglich, wenn es von Strukturen der Selbstbestimmung und -organisation durchdrungen ist, deren stabile Knotenpunkte von regionalisierten Bürgergesellschaften gebildet werden. Die Unterschiede der regionalen Bürgergesellschaften ergeben sich aus den unterschiedlichen Ressourcen ihrer geographischen Heimatgebiete. Unterschiedliche Ressourcen sind geographische Gegebenheiten (Ebene- oder Gebirgslage, Zentral- oder Randlage, Meeresküsten- oder Binnenlandlage, Industrie- oder landwirtschaftliches Gebiet u. ä.), ethnische Einflussgrößen (Begabungen, Anpassungs- und, Selbststeuerungsfähigkeiten, physische und psychische Widerstandsfähigkeit u. ä.) und Mentalitätsunterschiede ihrer Bevölkerung, verschiedene Organisierungsmethoden und andere Eigenheiten. In dezentral ausgerichteten Bürgergesellschaften lassen sich die jeweiligen Besonderheiten der Region praktisch zwanglos ins gesellschaftliche Leben übertragen. Mit der gewöhnlich ethnischen Ähnlichkeit der Bürger untereinander und der damit verbundenen größeren Konsensfähigkeit ist eine Bürgergesellschaft von innen her stabiler als eine multiethnische, pluralistische Zufallsgesellschaft großen Stils. Unter diesen Prämissen steht die Bürgergesellschaft näher zur Wirklichkeit ihres Lebens, hat eine bessere Überschaubarkeit ihrer Problemlagen und ist besser eingestellt auf ihre Lenkbarkeit.

Zu ihrer Gesamtkonzeption benötigt eine Bürgergesellschaft eine Organisationsstruktur, eine Regionalordnung, die von ihrem Wirkprinzip her für alle Bürgergesellschaften ähnlich sein kann, ohne die spezifischen Besonderheiten einschränken zu müssen. Eine solche Regionalordnung soll bestimmte prinzipielle Ordnungselemente enthalten und auf spezifisch menschlichen Komponenten des Zusammenlebens aufgebaut sein. Es werden zwölf Ressorts aufgeführt, die in einer Gesellschaft als Ordnungsprinzipien Geltung erlangen:

  1. Geistige Zielperspektive für menschliche Entwicklung und Verwirklichungsstrategie.
    Ohne eine Vorstellung von Aufgabe und Sinn menschlichen Lebens außerhalb der üblichen hedonistischen, ist eine Bewertung und Beurteilung der, das individuelle bürgerliche Leben betreffenden Verhältnisse und dinglichen Ausprägungsformen nur Stückwerk.
  2. Allgemeine institutionelle Organisation der inneren und Verwaltungsverhältnisse.
    Zu der organisatorischen Regelung der Institutionen ist eine übergeordnete Stelle erforderlich, die die Zusammenhänge der einzelnen Verwaltungsbereiche auf eine ganzheitliche Linie hin abstimmt und einregelt.
  3. Ausgeprägte Rechtsordnung, ordentliche Gerichtsbarkeit.
    Eine ordentliche Gerichtsbarkeit umfasst die Zivil-, die Strafgerichts- und die freiwillige Gerichtsbarkeit. Unter letzterer sind z. B. die Einrichtungen des Vormundschafts-, Nachlassgerichts, die Vereins- und Handelsregister und das Grundbuchamt zu verstehen. Die Gerichtsbarkeit bezieht sich auf die Ebene der Amtsgerichte. Schwere Straftaten müssen der Justiz der Landgerichte unterstehen.
  4. Sicherheit und Verteidigung, Schutz nach innen und außen.
    Innere Sicherheit bedeutet eine Prävention und Verhütung von Kriminalität jeder Art, einer heimlichen Unterwanderung durch extremistische, religiös- oder politisch-fundamentalistische Kräfte. Innere Sicherheit umfasst ferner die sozialen Maßnahmen zum Schutz von Leben und Eigentum der Bürger und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Sicherheit nach außen wird über den Verbund mit der nationalstaatlichen und europäischen Ebene erreicht.
  5. Ausgeglichene Wirtschafts- und Finanzverhältnisse für eine sich selbst stabilisierende Gesellschaft
    Mit einer geregelten liberalen Wirtschaftsordnung bestehen für die Entfaltung des Einzelnen keine besonderen Hindernisse. Das gilt für kooperative Zusammenarbeit zum Wohle des Ganzen, aber es erfordert Grenzen der konkurrierenden Einflüsse, die eine Monopolbildung und Marktbeherrschung anstreben. Die Finanzstrategie muss einer stabilen Wirtschaftsentwicklung Vorschub leisten. Eine gesunde Wirtschaftspolitik trifft Maßnahmen für ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht, das im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung eine Stabilität des Preisniveaus, einen hohen Beschäftigungsstand, finanzielles Gleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhr und ein angemessenes wirtschaftliches Wachstum anstrebt.
  6. Verbindung und Kooperation mit anderen Regionen.
    Eine Bürgergesellschaft steht in dauernder Verbindung mit anderen aufgrund wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, politischer und ökologischer Verflechtung. Die Beziehungen der Regionen untereinander bedürfen der planmäßigen Pflege und Kontrolle. Dazu ist eine eigene Verbindungsstelle von maßgeblicher Bedeutung.
  7. Gesunderhaltung von Leib und Seele, sowohl in individuellem wie in allgemeingesellschaftlichem Hinblick.
    Für das individuelle gesundheitliche Wohl stehen Medizin und Ärzteschaft, für kollektive Gesundheitsanforderungen erlangen genetische Gesichtspunkte besondere Bedeutung. Zur seelich-geistigen Gesundung und Gesunderhaltung bilden, individuell und im gesellschaftlichen Bereich, Religion und Selbsterziehung nach weltanschaulichen Prinzipien die bedeutsamsten Komponenten.
  8. Natur- und Landordnung, Landwirtschaft, Ernährung, Natur- und Umweltschutz.
    Für die angegebenen Bereiche ist eine regionale Zusammenfassung der Steuerungs- und Kontrollorgane schon deswegen erforderlich, weil sie untereinander in inniger Abhängigkeit und Wechselwirkung stehen und auf die geographische Beschaffenheit der Region bezogen werden müssen.
  9. Frauen und Familie, Kinder- und Familienbetreuung.
    Die ungelöste, zusammenhängende Problematik wird zum Hauptgrund für den Geburtenrückgang und die desillusionierende Ehestandsentwicklung. Mit ihrem Abbau geht eine allgemeine Entsittlichung und moralischer Niedergang einher, der die gesamtgesellschaftliche Degeneration beschleunigt. Die Themen Frauen und Beruf, sowie Männer und Familie bedürfen einer grundsätzlicheren Überdenkung.
  10. Pflege von Natur- und Geisteswissenschaften, Universität, Bildung und Forschung.
    Von deren Erkenntnissen und Ergebnissen hängt nicht nur die materielle zukünftige Entwicklung der Gesellschaft ab, sondern sie bestimmen auch die geistige Einstellung der Menschen und damit die Moral des Zusammenlebens.
  11. Kindererziehungs- und Volksschulprogramme, Erhaltung von Volksbräuchen und Volksfesten.
    Das Volk lebt im Kind. Eine kindergerechte Ausrichtung der Lebensweise berührt die Seele des Volkes. Dazu bieten Feste und Volksbräuche unübertreffliche Anlässe.
  12. Wahrung von Kultur und Herkunft, Verbindung zur geistigen Tradition.
    Eine Gesellschaft, die ihre Herkunft nicht kennt und vor sich selbst verheimlicht, verliert ihr Selbstbewusstsein, ihre Identität und innere Stärke. Mit dem Verlust ihrer geistigen Tradition geht eine Schwächung des allgemeinen Überlebens- und Behauptungswillens einher, der schließlich in einer unfreien Abhängigkeit endet.

Mit den vorgestellten Ordnungsprinzipien wird eine Bürgergesellschaft zum Pfeiler menschlicher Entwicklung und Entfaltung, denn sie bietet dem Individuum sowohl Anhaltspunkte wie Schranken für seine Lebensführung und wirkt damit erziehend und lenkend. Für die gesamte Bürgergemeinschaft stellen sie ein Regelungsprinzip dar, das die wesentlichen Lebensgebiete behandelt, den Gesichtspunkten der Gerechtigkeit im Zusammenleben und der Weiter- und Höherentwicklung seiner Mitglieder gerecht wird. Insofern wird die Bürgergesellschaft zu einer Institution, die dem Individuum eine Identität verleiht, es gleichzeitig verpflichtet für diese Gemeinschaft tätig zu werden und ihr Opfer zu bringen, weil es (das Individuum) ihr (der Bürgergesellschaft) seine so entfaltete Existenz verdankt. Das Individuum lebt für und von der Bürgergesellschaft und die Bürgergesellschaft existiert aufgrund der wohlmeinenden Einstellung des Individuums, seiner Nächstenliebe in des Wortes wahrer Bedeutung.

Durch das Gemeinschaftsleben nach den vorgelegten Ordnungsprinzipien wird die Bürgergesellschaft zur Grundlage einer Überlebensgesellschaft, die ihren Wert in sich hat und vorrangig dem Urwert der Selbstexistenz verpflichtet ist. Überleben, Selbstexistenz und Selbstorganisation der regionalen Ethnie gehen allen übrigen Maßnahmen vor, auch denen einer Wohlstands- und Marktgesellschaft. Es ist die kosmische Verantwortung, die eine typische menschliche Existenz als Möglichkeit der Offenbarwerdung des Geistes aufrechterhalten muss und darum zur ersten Pflicht alles Menschlichen macht. Das Überleben der Menschen ist wichtiger als die Ausgestaltung von Wohlstand und Wohlleben. (Vgl. Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Suhrkamp TB, Frankfurt a.M. 1984, S. 186 f)

In ihrer strukturellen Verbindung über Regional-, Landes- und Europaebene nimmt die Bürgergesellschaft einen fundamentalen Platz ein. Sie bildet das ökonomische, menschliche und geistige Fundament der darüber sich bildenden Organisationen und Rahmenordnungen. Über die vergemeinschaftete Stabilität der Bürgergesellschaften können sich die europäischen Völker wieder einander annähern und zu einer friedlichen Nachbarschaft zurückfinden. Nationalstaaten wird man nur als Funktionsstaaten für überregionale Bedürfnisse und Sprachgemeinschaften nötig haben und nicht als getrennt agierende Weltanschauungsverbände verstehen. Erst die vielgliedrige Ordnung in einem "Neuen Europa" wird der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit ihrer Bevölkerungen gerecht und erlaubt auf friedliche Weise die Neuerstehung der heimatbietenden Vaterländer für ihre spezifischen Volksgruppen. Das Christentum als einigendes Weltanschauungsgebäude wird sich neu begründen und zu einer einheitlichen Sichtweise der europäischen kulturellen Belange beitragen. Der postmateriellen Gestaltung der sozialen Zustände nach europäischen Bedürfnissen wird nichts mehr im Wege stehen und Europa wieder zu dem machen, was seiner Anerkennung wert ist.

W.K.